Kant, Nietzsche, Glotze!
erschienen in: Cicero Online, August 2010
Viel gemein haben Jack Bauer und John Stuart Mill nicht. Bauer, Held der Fernsehserie „24”, hat zwar grüblerische Phasen, ist aber ansonsten ein Mann der Tat. Mill hingegen, obwohl auch als Politiker aktiv, war vor allem Denker. Eines aber eint den Held der in den USA gerade zuende gegangenen Fernsehserie „24” und den Londoner Philosophen: Sie sind waschechte Utilitaristen. John Stuart Mill dachte in der ersten Hälfte des vorletzten Jahrhunderts darüber nach, wie sich gutes Handeln herleiten lässt. Seine Antwort: aus dem Konzept der Nützlichkeit. Gut ist, was den Menschen nützt. Auf Basis dieser Gedanken begründete Mills den Utilitarismus.
Und einer, der seine Grundgedanken so konsequent beherzigt wie kaum jemand sonst, ist eben Kiefer Sutherlands Jack Bauer. Für ihn bestimmt der Zweck immer die Mittel. Um Geständnisse herauszuquetschen, belügt Jack alle um ihn herum, setzt Zeugen unter Druck – und foltert jeden, der ihm Informationen vorenthält. Bauer ist der Ultra-Utilitarist – das findet auch Thibaut de Saint Maurice, französischer Philosophieprofessor und Autor des Buches „Philosophie en séries”. Darin analysiert er aktuelle TV-Serien auf ihren philosophischen Gehalt hin. Und der ist substanziell. „Lost” frage, was Gesellschaft zusammen hält. „Desperate Housewives” stelle die Frage nach dem Glück. Und Jack Bauer verkörpere eben den Utilitarismus. „Jacks Aktionen legitimieren sich von ihren Effekten her”, so der Autor im Interview. 24 schafft es, den Utilitarismus glaubwürdig und sinister zugleich zu inszenieren.
Sollten unsere Kids also mehr fernsehen? Unbedingt, findet de Saint Maurice.
Und zwar vor allem Philosophieklassen. Denn gute Serien transportieren philosophisches Basiswissen durch die Hintertür (und sind damit allen wohlmeinenden Ratgeberbüchern überlegen). Sie funktionieren nicht wie sozialpädagogisches Bildungsfernsehen, sondern wie die antiken griechischen Mythen. Ihre Geschichten „ergeben tieferen Sinn: Sie behandeln die Menschheit, die Welt als Ganze, unser Verhältnis zu anderen Menschen, Freiheit, Liebe und Tod.”
Ihre Stärke liegt darin, dass die Charaktere sich im Laufe der Serie grundlegend verändern. Dieser Charakterwandel unterscheidet gute Serien radikal vom klassischen 90-Minüter im Kino. Kein Charakter bleibt sich treu – Serien funktionieren damit „so wie die Welt der Popmusik, der Videospiele, oder von Facebook”.
Auch Jack Bauer verändert sich: Von Staffel zu Staffel wird er depressiver.
Angekettet und auf seinen vermeintlichen Mörder wartend, gesteht er, der Tod „wäre eine Erleichterung für mich”. In solchen Momenten blitzt eine Düsternis auf, die das logische Gegenstück bildet zur brutal zweckorientierten Philosophie des Utilitarismus. Zu viel Pragmatismus macht traurig – das steht in keinem Philosophie-Textbuch.
Fernsehserien, so de Saint-Maurice, liefern philosophisches Grundwissen – und verlinken philosophische Lehren zugleich mit unserer Gegenwart. Sie sind der Kosmos der Emotionen und Untiefen, die zusammen unsere Welt ergeben.
Desperate Housewives etwa „ist ebenso metaphysisch wie politisch”. Die Serie hinterfrage die Möglichkeit menschlichen Glücks. „Sie stellt aber auch eine sehr konkrete und bissige Kritik amerikanischer Mittelklasse-Ideale dar.”
Und mit „24” haben die politischen Verhältnisse der Vereinigten Staaten nicht nur ein Spiegelbild in der Popkultur erhalten, sondern einen düsteren Propheten ihrer selbst. Nicht nur, dass die Serie die Gefahr eines islamischen Terrorismus vor 9-11 artikulierte (Staffel eins wurde am 6.
November 2001 erstausgestrahlt). Staffel zwei antizipierte mit David Palmer den ersten schwarzen US-Präsidenten. De Saint Maurice formuliert
grundsätzlicher: „Die fundamentale Spannung der Serie wird zunehmend real:
Wie weit darf gehen, wer die Demokratie verteidigt? Und kann man dabei auch sämtliche eigene Prinzipien über Bord werfen?”
In Serien also werden Gesellschaft und Politik selbstreflektiv. Und sie antizipieren Realität nicht nur, sie treiben sie weiter. Übereifrige Patrioten haben „24” dafür kritisiert, Terroristen Ideen zu liefern. Das mag zwar Unsinn sein. Interessant ist dennoch, in welchem Maße „24” das Verhältnis von Realität und Show umdreht. So erscheint Barack Obama aus ästhetischer Sicht eher wie eine Medienschöpfung als „24”-Präsident David Palmer. Dennis Haysberts Palmer ist dicker und weniger attraktiv als der echte Obama und agiert weniger ästhetisiert. Obama kam nicht nur nach Palmer – er ist auch dessen hypermediale Steigerung.
Die Problematik von Serien liegt damit nicht, wie der klassische Bildungsbürger gerne denkt, in ihrer mangelnden Qualität – sondern darin, dass sie so gut sind. Ihre dramaturgische Brillanz und die Komplexität der Handlungsstränge führen zu einem Resultat, welches das Kino auch in seinen lichtesten Momenten nie generieren konnte: Sie werden realer als die Realität. Wir konsumieren nicht mehr Popkultur, um die Realität zu verstehen. Sondern lesen oder schauen Nachrichten, um zu verstehen, was die Serienmacher im Kopf hatten.
Nur folgerichtig, dass der Autor einer anderen brillanten Serieninnovation früher selber Polizeireporter war. David Simon reflektiert in seiner Drogensaga „The Wire” in deprimierendem Neorealismus den Kampf der Polizei in Baltimore gegen Drogenkriminalität, Korruption und (der schwierigste Kampf) die eigene moralische Verdorbenheit. „The Wire” wird inzwischen in diversen eigenen Uni-Kursen behandelt, und zwar nicht nur in Kultur- oder Medienwissenschaften. Auch etwa die Soziologen der Universität Harvard untersuchen die Kultserie. Harvard-Professor William Julius Wilson wird vom Internet-Magazin Slate so zitiert: „Die Art, in der ‚The Wire’ systemische urbane Ungleichheit und die Einschränkung der Lebenschancen der ‚urban poor’ darstellt, ist zwingender und schärfer als jede publizierte Studie – meine eigenen eingeschlossen.”
zum Artikel auf cicero.de
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