Simulation als Prinzip
erschienen in: Welt am Sonntag, Juli 2009
Irgendwas stört. Irgendwas stimmt nicht im Bild dieser typisch deutschen Kleinstadtstraße. Es ist ruhig, Bäume rascheln dezent, man sieht kaum Autos – das kennt man. Aber die Fenster sehen seltsam aus. Langgezogene Lichtschneisen deuten sie an, die bis zum Boden zu gehen scheinen. Genau das tun sie aber nicht. Die Fenster sind normal groß; darunter haben die Architekten lediglich die Farbe der Fassade verändert. Simulierte Fenster statt gläserne Realität also.
Ein kleiner Eindruck nur in dieser deutschen Stadt, der „Simulation statt Realität” als Headline dienen könnte. Sie ist in einem Maße unecht, das selbst Simulationstheoretiker Jean Baudrillard beeindruckt hätte. Nicht zuletzt deshalb, weil sich diese deutsche Stadt gar nicht in Deutschland befindet, sondern gut 30 Kilometer westlich von Shanghai. Die Frankfurter Stadtplaner Albert Speer & Partner haben hier eine virtuell deutsche Stadt geplant. „Möglichst deutsch wollten es unsere Auftraggeber”, sagt Johannes Dell, Chef des chinesischen Speer-Büros. Das Ergebnis: Drei- bis fünfgeschossige Wohnhäuser, ein Marktplatz mit Kirche. Saubere Straßen umspannen kleine Teiche, schnuckelige Kanäle begrenzen das Areal nach außen.
Eine Piazza nahe dem Zentrum wird von einem Goethe-Schiller-Denkmal gekrönt, einer Nachbildung des Originals in Weimar. Die Idee des Deutschen soll potente Käufer anziehen, neubürgerliche Shanghaier oder Expats, die im nahen VW-Werk arbeiten.
Für Kulturkritiker ist Anting New Town leichte Beute. Nicht nur weil es noch ziemlich leer ist und man sich fragt, ob hier jemals vitales Stadtleben stattfinden wird. Vor allem lässt sich der Ort als chinesisches Disneyworld verspotten, eine Chimäre der Globalisierung, die alle Authentizität zerstört. Nur: Solche Überlegungen interessieren in Shanghai sowieso niemanden. Sie haben ihren Sinn verloren in einer Stadt, die nicht nur das baulich Extreme des Hyperkapitalismus umarmt. Sondern die auch schon immer so global war, dass das Nationale als Identitätsprinzip ausgehebelt wurde.
Im 19. Jahrhundert stand Shanghai teils unter Verwaltung verschiedener Kolonialmächte, was es zum Spielball europäischer Architekturexporte machte.
Für Liebhaber lokal gewachsener Stadtstrukturen muss die Stadt schon damals ein Grauen gewesen sein; vom baulichen Wildwuchs im Shanghai von heute ganz zu schweigen. „Diese Stadt macht es ihren Bewohnern nicht leicht”, sagt Johannes Dell.
Er und seine Kollegen haben Anting New Town nicht nur geplant, sondern teilweise auch gebaut. Umso größer sein Ärger, wenn andere Architekten seine Grundideen nicht aufgreifen. Die erwähnten Fenster beispielsweise regen ihn auf. „Da hat jemand nicht mitgedacht.” Immerhin: Europäische Planungs- und Bauprinzipien haben Anting deutlich sichtbar ihren Stempel aufgedrückt. Die Blockstrukturen sind multifunktional angelegt. Im Stadtzentrum um den zentralen Marktplatz könnte sich künftig eine durchaus spannende Funktionsmischung ergeben. Umso absurder wirkt allerdings heute der Anblick des menschenleeren, jedoch komplett fertig gestellten Platzes mit einer Kirche, einer großen Veranstaltungshalle und einem Hotel. Eine Geisterstadt ohne Vergangenheit.
Architektonisch aber gilt auch für den zentralen Stadtplatz: Das Bauhaus-Diktum wurde durchgehalten. Die meisten Gebäudefassaden wirken pragmatisch, fast kühl. Allerdings deuten einzelne Bauten an, wie Bauhaus emotional wird. Wenn sich nämlich der Modernismus an sich selbst ergötzt, wie bei dem zentralen Hotel. Dessen zwölfgeschossiger, kantiger Hochhausturm mit seiner hellen Natursteinfassade und den prägnanten senkrecht länglichen Fenstern ragt heraus aus der funktionalistischen Strenge um ihn herum – höhenmäßig und ästhetisch.
Die Formensprache des Gebäudes stiftet fast ein bisschen viel Prominenz für ein schnödes Hotel. Aber als solches war der Komplex ursprünglich auch nicht konzipiert, sondern als Rathaus. Dumm nur: Anting hatte schon ein Rathaus.
Das Rathaus am Markt – eine Idee, wie sie deutscher nicht sein könnte. Auch in den oft heiter gebogenen Straßen um den zentralen Platz herum finden sich Klassiker teutonischer Mittelstädte: öffentliche Plätze, breite Gehsteige, Bäume, die Fußweg und Straße trennen. Die Gebäudehöhen machen den Raum lesbar: Fünfstöckige Gebäudeblocks markieren die Hauptstraßen, an den Siedlungsrändern wird flacher gebaut. Und: Viele Straßen sind komplett verkehrsberuhigt; es dominiert das Lieblingsobjekt grüner deutscher Stadtplanung, die Spielstraße.
Denkweise und Bauphilosophie von Anting New Town sind westlich – wie die von Johannes Dell. Doch der Kleidungsstil des Planers transzendiert das Europäische. In weißem Leinen und mit (in China auch bei Männern normalem) Fächer wirkt er wie ein weltenbummlerischer Exot. Im Bauboom-Shanghai war Dell von Anfang an dabei. Er hat gesehen, wie westliche Starbauer das Architekten-Wunderland vermaßen und Entwürfe realisierten, die sie zu Hause niemandem ernsthaft vorgeschlagen hätten.
Inzwischen ist Ernüchterung eingekehrt, weil sich der Baualltag oft weniger großdimensional darstellt. Dennoch sagt Dell: „Hier war und ist das Mekka für uns.” Speer und Partner bauen und planen überall im Land. Sie ziehen Hochhäuser hoch, entwickeln Bebauungspläne – oder entwerfen am Reißbrett ganze Städte. Städte wie Anting New Town.
Oder genauer gesagt: „Shanghai International Automobile City”. Anting ist Teil eines größeren Siedlungsprojektes. Rund um das VW-Werk, lange Zeit einziges Werk eines westlichen Autokonzerns in China, entsteht ein Cluster zum Thema Auto, mit Unternehmen, Showrooms, Forschungseinrichtungen, Wohngebieten – und Chinas Formel 1-Rennstrecke, die bereits in Betrieb ist.
„Dezentrale Konzentration” nennt Dell das Konzept. Die Idee: Die Automobile City soll Menschen aus Shanghai Wohn- und Arbeitsraum zugleich geben und damit die Innenstadt entlasten.
Wann sie das aber tut, ist fraglich. Viel ist gebaut, trotzdem wirkt das Areal bisher recht tot. Die Showrooms verschiedener Autofirmen sind besucherlos, sicher nicht nur durch die Branchenkrise. Doch Dell ist optimistisch. „80 Prozent der Wohnungen in Anting New Town sollen verkauft sein. Sobald dort mehr Leute wohnen, belebt sich das hier”, sagt er, während sein Fahrer uns im Passat durch die staubigen Straßen fährt, vorbei an vielen Bauzäunen.
Ähnlich wie in Anting entstehen rund um Shanghai zwei weitere fremdnationale Simulationsräume, ein englischer, ein italienischer. Neun waren ursprünglich geplant. Die Kunststädte sollen mit dem Versprechen europäischer Lebensart die Menschen dazu bewegen, den Moloch Shanghai zu verlassen. „Raus aufs Land”, wie man in Deutschland sagen würde. Dieser Idee soll die deutsche Stadt Anting, mit direkter Sichtachse zur Autobahn, ein Gesicht geben. „Wir bauen hier Stadtraum als Marketing”, so Dell.
Wer in China von Marketing spricht, ist schnell beim Thema Kopie. Anting New Town ist eine Kopie – eine allerdings, die sich ständig dagegen wehren muss, selber kopiert zu werden. Auf unserem Spaziergang verfolgt uns ein grimmiger kleiner Mann in Uniform und schimpft, sobald wir die Kamera zücken.
Geheimdienst? Viel trivialer: Der Mann ist vom Bauträger und will verhindern, „dass die Konkurrenz alles fotografiert und anderswo nachbaut – was auch schon vorgekommen ist”, so Dell.
Es reicht eben, wenn die Fassade stimmt. Mit ihrer Funktion als Marketingmaßnahme wird Architektur zum reinen Symbol. Hinter jedem Gebäude vermutet man „Aussagen”. Jeden Bewohner will man fotografieren – einfach weil er da ist, was ja vielleicht etwas bedeuten könnte. Hinter jedem Baum wittert man, á la Truman-Show, das Ende der Simulation, einen Ständer aus Plastik, der den Baum stützt. Oder einfach den Ausgang aus dem Themenpark.
Doch der Themenpark Shanghai hat keinen Ausgang. Wie Anting New Town ist die ganze Stadt durchsetzt von Zitaten europäischer, nicht zuletzt deutscher Lebenskunst. Paulaner-Bierhallen und Hofbräuhäuser versorgen Chinesen und Touristen mit Bier. Im In-Viertel Zhijiang zieht ein „BMW Club” die Schönen des Nachtlebens an. Eines der (wenigen bisher existierenden) Serviceangebote in Anting ist eine Cafeteria, deren Fenster voll sind mit Aufklebern der deutschen Nationalfahne. „Deutschland hat hier einen guten Ruf”, sagt Dell.
„Die Chinesen kennen drei Dinge: Fußball, Schweinehaxe, Autos. Die haben hier die Aura von Weltklasse – mittlerweile vielleicht mit Ausnahme des Fußballs.”
Aber das sind doch alles Klischees? Richtig. Die Chinesen pflegen ihre holzschnittige Sicht auf Europa und Deutschland. Die späte Kolonialmacht Deutschland wird damit posthum selber zum Objekt eines letztlich kolonialistischen Denkens. Dazu passt, dass Anting ursprünglich anders aussehen sollte, weniger bauhausmäßig – und noch klischeehafter. Die Chinesen wollten Butzenscheiben und Erker. Nur mit Mühe konnten Dell und Speer sie überzeugen, dass Deutschland heute anders ist – und moderner ökologischer Städtebau heute auch anders sein muss.
Die deutschen Konsumklischees in China sind Gutmenschentouristen naturgemäß zuwider. Diese meiden Paulaner-Restaurants und suchen nach „alten Gärten ” oder „authentischen Garküchen”, den Klassikern bildungstouristischen Wohlgefallens. Doch vielleicht ist der überkommene Begriff von Authentizität abgegriffen. Shanghai ist genau da authentisch, wo es imitiert.
Anting New Town wäre demnach höchst aktuell. Johannes Dell hat damit kein Problem. „Kann sein, dass wir hier etwas nachahmen. Funktionieren kann das aber trotzdem.” Was ihn mehr ärgert, ist die – undeutsche – Schlamperei der Chinesen in der Bauausführung. Bevor Anting New Town überhaupt richtig fertig ist und vor allem bewohnt wird, krachen an allen Ecken und Enden die Steinchen aus den Pfeilern. Zwischen verschiedenen Betonteilen klaffen handbreite Spalten. Spätestens hier hört alles Deutsche auf. In Shanghai baut und plant man nicht für die Ewigkeit.
Überhaupt plant man im Land der Fünf-Jahres-Pläne städtebaulich wenig. „Hier gibt es zu viel Architektur und zu wenig Städtebau”, sagt Dell. Auch das Mandat seiner Firma in Anting New Town ging letztlich nicht weit genug. Die Stadtregierung hatte ihm eine U-Bahn versprochen, aber bis heute nicht gebaut. Das Resultat: Nur 500 der 20000 Wohneinheiten sind bewohnt, schätzt Dell. Da die meisten Chinesen noch kein Auto haben, ist eine U-Bahn ein Ausschlusskriterium für einen Umzug – zumal die Eigentumswohnungen in Anting für chinesische Verhältnisse recht teuer sind.
Die Leere in Anting – dem Stadtplaner Dell verleiht sie eine leicht tragische Note. „Natürlich glaube ich, dass das Konzept der deutschen Stadt in China Sinn macht. Und natürlich glaube ich, dass das hier noch funktioniert”, sagt er trotzig und wedelt mit seinem Fächer in der menschenleeren Gegend herum. Er hat seinen Teil getan.
zurück zur Artikelübersicht